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Der provozierte Antisemitismus

Februar 6th, 2009 · 3 Kommentare

ewige_jude

Dass die Gründe für Judenhass nicht bei den Antisemiten, sondern bei Juden gesucht werden ist nichts sonderlich Neues. Zunächst wurden sie gehasst, weil sie Jesus ans Kreuz schlugen, dann weil sie durch die Vergiftung von Brunnen die Pest verursachten, später weil sie angeblich den Kapitalismus und/oder den Kommunismus erfunden hatten.

Antijüdisches Denken, so legt es die These vom “provozierten Antisemitismus” (Eike Geisel) nahe, ist die unmittelbare Konsequenz aus dem Verhalten von Juden, ein gerechtfertigter Akt kollektiver Notwehr gewissermaßen. Wenn sie endlich damit aufhörten sich so unmenschlich zu verhalten, dann würde man sie auch in Ruhe lassen, so lautet die implizite Verheißung. Aber sie hören ja nicht auf das, was die Antisemiten ihnen sagen, und so werden sie weitergehasst. Das weiß beispielsweise auch Hajo G. Meyer, der in seinem Buch “Das Ende des Judentums” erklärt, dass “die früheste Ursache für den Antisemitismus im Judentum selbst” liege.

Dass sich diese weit verbreitete Form der Schuldumkehr recht positiv auf das Selbstverständnis der Träger solcher Ressentiments auswirkt, es ihnen ermöglicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen, ändert freilich nichts daran, dass der Antisemitismus rein gar nichts mit dem tatsächlichen Verhalten von Jüdinnen und Juden zu tun hat. Der Journalist Hermann Bahr notierte bereits Ende des 19. Jahrhunderts: “Wenn es keine Juden gäbe, müssten die Antisemiten sie erfinden, sie wären sonst um den Genuss der kräftigen Erregungen gebracht”. Antisemitismus existiert unabhängig von seinem Objekt, sagt also wenig über Juden aus, aber viel über die Bedürfnisse der Antisemiten. Und da dieses Denken einen funktionalen Charakter aufweist, also bestimmte Aufgaben für die individuelle Psyche oder kollektive Sehnsüchte der Menschen erfüllt, lässt es sich auch nur schwerlich entkräften. Insofern ist es auch eine Sackgasse im Kampf gegen Antisemitismus die Argumente der Antisemiten durch Fakten entkräften zu wollen. Wie bei der Hydra aus der griechischen Mythologie wachsen mit jedem abgeschlagenen Kopf gleich zwei neue nach, jedes Argument, das dem Antisemiten aus der Hand geschlagen wird, ersetzt er durch mindestens ein neues.

hydra

Im 20. Jahrhundert, als die Sache mit dem Christusmord niemanden mehr so wirklich vom Hocker zu reißen vermochte, konnten Antisemiten gleich auf einen ganzen Komplex neuer Argumentationsmuster zurückgreifen. Seit nunmehr 60 Jahren dient Israel als Rechtfertigung für die Abneigung gegen Juden. Die Existenz des jüdischen Staates wirkt dabei wie eine Verjüngungskur für althergebrachte antisemitische Stereotype, und eben auch für den Vorwurf, selbst an Hass und Verfolgung schuld zu sein. Früher konnte man Juden nicht leiden, weil sie sich aufgrund “jüdischer Eigenarten” nicht integrierten; heute passt Israel als “Krebsgeschwür” des Nahen Ostens nicht in seine Umwelt. Früher fürchtete man sich vor der angeblichen Macht der Juden; heute wird von der allgegenwärtigen Israel-Lobby schwadroniert. All jene antisemitischen Stereotype, die man heute nicht mehr äußern “darf” (sei es, weil es sich einfach nicht mehr anschickt, oder weil die Angst vor der jüdischen Lobby zu groß ist) können nun endlich wieder unverblümt kommuniziert werden – solange man nur darauf achtet, nicht “die Juden” sondern “Israel” zu sagen. Israel wird so zum “Juden unter den Staaten” (Léon Poliakov). Alter Wein in neuen Schläuchen.

Gerade im Land der Tat und der Täter ist diese Form der auf Israel projizierten Schuldumkehr sehr beliebt, da sie es nicht nur erlaubt, die alten antisemitischen Denkmuster über den Umweg Israel weiterhin verbreiten zu können, sondern auch, weil diese Argumentation dem deutschen Bedürfnis nach Schuldentlastung so zuträglich ist. Über 40% der Deutschen stimmen der Aussage zu: “Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat”. Deutlich weniger sind es der Umfrage nach, die nicht Israel, sondern Juden direkt die Verantwortung für Antisemitismus anlasten. Doch auch dies geschieht immer noch, wie kürzlich die Hannover Zeitung in einem antisemitischen Artikel bewiesen hat.

Jedes mal wenn Israels Militär aktiv wird, fühlen sich ganz spezielle Freunde Israels auf den Plan gerufen. Sie meinen es eigentlich nur gut mit dem jüdischen Staat, wollen ihn vor Unheil beschützen, und genau deshalb erklären sie ihm auch wie das so läuft mit dem Antisemitismus. „Kritik an Israel und Antisemitismus haben nichts miteinander zu tun. Es ist vielmehr Israels Politik, die den Antisemitismus in der Welt fördert“, gab beispielsweise Alfred Grosser während des Libanon-Feldzuges zum Besten, um dann ungefragt als Politikberater zu empfehlen: “Es ist Israel, das seine Sprache und Haltung verändern muss”. Es ist das alte Spiel: nicht etwa bei den Antisemiten muss die Arbeit ansetzen, sondern die Objekte des Ressentiments haben gefälligst ihr Verhalten zu überdenken.

Gleich mehrere Zeitungen (hier und hier zwei Beispiele) haben sich nun im jüngsten Konflikt eben diese Argumentation zueigen gemacht. Das Verhalten Israels schüre den Antisemitismus erst, so lautet die Erkenntnis. Die Menschen, die mit Brandsätzen jüdische Einrichtungen in London, Brüssel und Helsingborg angriffen; die Unbekannten, die in Toulouse eine Synagoge mit einem brennenden Auto abfackeln wollten; jene, die auf zahllosen antisemitischen Demonstrationen Juden den Tod wünschten; oder der Mann, der in Berlin mit einer Eisenstange bewaffnet auf die Synagoge zustürmte und zwei Wachmänner verletzte um seinem “Unmut über das Vorgehen Israels im Gazastreifen” Ausdruck zu verleihen – sie alle sind erst durch das Verhalten Israels zu Antisemiten geworden, können also eigentlich gar nichts dafür.

Alles pure Notwehr…

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Kategorie(n): Antisemitismus

3 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Der // Feb 24, 2009 at 17:23

    Liebe Juden oder lieber Israeli,

    wenn dieser furchtbare Antisemitismus im Täterland nicht mehr zu ertragen ist, gehen Sie doch bitte nach Hause ins Land IHRER Väter. Dort dürfen Sie dann unter dem Schutz der USA ungestraft Moslems töten so viel Sie wollen. Und glauben Sie mir in Wirklichkeit ist Ihnen keiner böse. Auch wenns manchmal so ausschaut. Wie wäre Das??? Die ganze Energie welche Sie jetzt noch in Ihre Propaganda stecken müssen um der Welt zu erklären, wie schlecht es Ihnen hier geht, könnten Sie dann an Ihren tatsächlichen Gegner abreagieren. Michel Friedmann mit Stahlhelm und Uzzi an forderster Front – welch eine heldische Vorstellung! Soweit die Ironie – die in Ihrer Lesart natürlich Antisemitismus ist. Aber, auch Sie sollten es langsam einsehen, Kritik ist in demokratischen Gesellschaften erlaubt. Auch an Israel und nicht automatisch Judenhass.

    Anmerkung von Basisbanalitaet.net: Dieser Kommentar wurde nur aus Dokumentationsgründen freigeschaltet. Er steht exemplarisch für zahlreiche andere antisemitische Nachrichten und Bedrohungen, die den Autor erreichen

  • 2 MsLiberty // Mrz 24, 2009 at 18:48

    Sehr guter Artikel!

  • 3 Het ”geprovoceerde antisemitisme” « // Feb 4, 2010 at 22:38

    [...] http://www.basisbanalitaet.net/2009/02/der-provozierte-antisemitismus/#more-63 [...]

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